„Für sich einstehen können“ als Mann und wie Mütter mit ihren Kriegstraumata dies beeinflussen

„Für sich einstehen können“ als Mann und wie Mütter mit ihren Kriegstraumata dies beeinflussen

By am Mai 28, 2015 in Aus meiner Arbeit, dein Ganz Mann Sein | 2 Kommentare

„Für sich einstehen können“, sich authentisch, würdevoll und klar zu verhalten, die eigenen Bedürfnisse klar zu äußern und auch so zu handeln ist mitunter für Männer (und auch für Frauen) sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Dieser Artikel ist nun für Männer, die mehr zu dem Zusammenhang von ihrer gesunden, maskulinen, authentischer Kraft und den Kriegstraumata ihrer Mütter verstehen wollen. Für manche ist es extrem schwierig, ganz zu sich zu stehen im beruflichen Kontext und für manche gilt dies in ihren Liebesbeziehungen als Partner oder in ihrem Vatersein.

Dies ist heute ein sehr ausführlicher Text mit einem konkreten Arbeits- und Aufstellungsbeispiel und mit konkreten Fragen für dich als Mann, um dir und deiner Kraft näher zu kommen. 

Klare, authentische und würdevolle Handlungen als Mann

Kommt so eine Situation, wo von dir als Mann, deine echte, authentische Meinung und vor allem deine integeren Handlungen anstehen, kann es auch im Mann in sekundenschnelle kippen. Männer erzählen mir dann in den Beratungen, wie sie täglich extreme Leistungen bringt, um überhaupt gesehen zu werden, fast schon am BurnOut existieren, sich selbst aufarbeiten, unter täglichen, hohen Stress arbeiten und leben. Und wie sie sich plötzlich als „kleiner Junge“ fühlen und nicht mehr klar für sich handlungsfähig sind.

Es schmerzt, Hilflosigkeit und Ohnmacht sind spürbar. Auch ein Gefühl von „Unlösbar“, und „Schein-Lösungen“ kommen an die Tagesordnung und übernehmen die Regie. 

„Schein-Lösungen“ sind Überlebenshaltungen aus prägenden Bindungstraumata (nach der Basis von Prof. Franz Ruppert)

Eine „Schein-Lösung“ kann ein Rückzug sein, eine Kündigung, eine Erkrankung, Lügen und Ausreden. Noch mehr Arbeiten, noch mehr Leistung, täglich über die eigenen Grenzen gehen.

Sicherlich gibt es unzählig viele Variation hiervon, fällt dir noch eine dazu ein?

Die Sehnsucht nach Anerkennung, nach Lob und Erfolg ist groß, genauso wie eben die Erfüllung des Wunsches:

Ganz für sich einstehen zu können – gesund, klar und zum Wohle aller

Selbst bei erstem näheren Nachfragen für die Erstberatung mit ausführlichen Fragebogen erscheint bei manchen Männer kein offensichtlicher Grund, woher diese Unklarheit kommen kann. Und natürlich ist bei einem Mann die Scham und Verzweiflung in so einem Falle groß. 

Dank der Aufstellungsmethode nach Franz Ruppert (siehe oben) ist es möglich, mit deinen konkreten Anliegen, die Zusammenhänge und traumatischen Prägungen, die in deiner Persönlichkeit wirken, klar und spürbar ans Licht zu bringen und mit den tiefgehenden mehrgenerationalen Trauma- und Bindungsgrundlagen zu erklären und zu verstehen.

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Was bedeutet das konkret?

Hier ein  Aufstellungsbeispiel (wir haben eine ausführliche Erstberatung gemacht und daraus entwickelte der Kunde das Anliegen) mit dem Anliegen:

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„Warum kann ich in meinem Job anderen gegenüber nicht für mich einstehen?“

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Ich fühle mich dann stellvertretend in das Anliegen ein. Egal, ob ich persönlich arbeite oder über Skype, kann ich meistens sehr gut erkennen, fühlen, was in dem Anliegen meines Kunden zu spüren ist. 

In diesem Falle habe ich am Anfang gar nicht gewusst, bin ich Frau oder Mann. Ich hatte Angst. Ich bin unruhig hin und her gegangen und hatte das Gefühl, bedroht zu sein. Auf einmal konnte ich dann klar erkennen, ich bin eine Frau, ich bin im Krieg, mein Körper fühlt sich entsetzlich schmerzhaft und um mich herum ist nur elend. Ich hatte die typischen Gefühle einer Frau, die vergewaltigt und missbraucht wurde. Scham, Schmerz und Tod war in mir. Ich fühle mich erstarrt, gelähmt, presse meine Beine zusammen und versuche, zu kontrollieren, wann wieder Soldaten kommen… An meinem Rockzipfel hängen ein Haufen Kinder und ich habe keine Ahnung, wie ich die ernähren und schützen kann.

Ich fühlte unendlichen Hass – auf alles Männliche. Männer sind der Auslöser und die Schuld für ALLES: für den grausamen Krieg, für die Hungersnot als Folge vom Krieg und für die sexuelle Gewalt an uns Frauen. Es war schier unlösbar und große Verzweiflung mit tiefem Aufgeben in dieser Frau zu spüren. 

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Ich bin dann wieder ganz klar aus dem Anliegen raus gegangen, lege stellvertretend ein Kissen dafür auf den Boden und spreche mit meinem Kunden über das Erfahrene.

Natürlich sind das keine klaren Beweise, das es wirklich so war. Trotzdem zeigt sich im Laufe meiner Arbeit und der meiner vielen Kollegen, dass sich auf Grund des Feldes in den Aufstellungen sehr sehr viel Wahres zeigen kann.

Welches in seiner Summe dann zur Klarheit und dem eigenen „Ganz-Werden“ beiträgt, wie Puzzel-Teilchen, die alle zusammen ein stimmiges Bild ergeben.

Hier zeigte sich, das die Mutter meines Kunden eines der Kinder war, die am Rockzipfel dieser so verzweifelten Frau mitten im 2.Weltkrieg waren. In dem Anliegen dieses Mannes war ganz klar die Not seiner Großmutter  zu spüren und ihr Hass, ihre Verzweiflung ein Grundtenor in seinem Leben als Mann.

In diesem Zusammenhang erstmal sehr verständlich, das es diesem Mann, und dies hier ist nur eines von unzähligen Beispielen, die ähnliche verlaufen!, das ein Mann im Hinblick auf die grausamen Taten der Weltkriege nicht einfach „zu sich stehen“ kann. 

vomTraumazurLiebeSabineHermWeg

vom Trauma zur Liebe

 

Früher in dem Familienaufstellungen hat man dann in einem Ritual die erlebte Gewalt und Not an die Großmutter zurückgegeben und es hat sich erstmal befreiend und kräftigend angefühlt. 

Heute weiß man, das dies nicht funktioniert, nicht funktionieren kann.

Was sich hier zeigt, ist ein mehrgenerationales Bindungstrauma, d.h. einer Mutter, die in so entsetzlichen Kriegsjahren aufwächst, umgeben von Gewalt, Not und sexueller Gewalt, selbst sehr traumatisiert ist und dadurch nicht in der Lage, eine gesunde, stabilisierende und liebevolle Bindung mit ihrem Sohn aufzubauen. 

Wenn wir als Baby im Bauch einer traumatisierten Mutter aufwachsen und später in ihren Armen liegen, suchen wir, brauchen wir Nähe, Bindung und ihre Aufmerksamkeit.

Wenn eine Mutter selbst keine gesunde Bindung und Liebe in sich bekommen oder erlernt hat, ist meist nicht in der Lage, dies zu geben.

Und das ist fatal.

 

Wir müssen dann aus dem Kontakt mit unserem „Ich“ gehen, weil die Überflutung von der Mutter mit ihren Trauma-Gefühlen zuviel und

die gleichzeitige, existentielle Not: gar nicht bei ihr in Liebe ankommen zu können, zu groß ist.

Das ist Stress pur und deshalb startet das Überlebensprogramm mit Abspalten der wahren, eigenen Gefühle.

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Wir spalten, verdrehen und verbiegen uns. Unsere Identität ist damit massiv gestört und es wird eine Zeitlang dauern, als Erwachsener eine stabile und freudvolle Ich-Identität zu entwickeln. 

Oft ist es in den Aufstellungen auch noch möglich, sich stellvertretend gezielt in den „Ich-Anteil“ einzufühlen, sofern er im Anliegen formuliert wird. Mehr Beispiel dazu demnächst hier oder auch gern persönlich bei Traumaberatungsterminen, bei mir oder meinen Kollegen.

 

Aus der eigenen Kontaktlosigkeit entsteht die Symbiose mit den Traumagefühlen unserer Bezugspersonen um Bindung zu bekommen, oft schon pränatal oder als kleinstes Kind

Das ist mit der Grund, warum es sich manchmal in uns noch anfühlt wie im Krieg:

• totale Panik, gepaart mit Auswegslosigkeit und drohender Gefahr

• Existenzängste, Hungersnot, totales Misstrauen allen Gegenüber

• tiefe Wertlosigkeit, Schmerzen im Körper

• auf der Flucht sein…

All dies könnten Anzeichen für übernommen Kriegstraumata sein, es sind aber auch die gleichen Anzeichen wenn du am eigenen Leib und Seele Misshandlungen erlitten hast. Deshalb ist es gut und für deine klare Identität notwendig:

genau zu wissen – welche Gefühle fühle ich denn da in mir?

Sind es meine eigenen?

Die meiner Mutter oder die meiner Großmutter im Krieg? 

(natürlich gibt es diese symbiotischen Verstrickungen und Traumata auch in anderen Konstellationen wie vom Sohn zum Vater, von der Tochter zur Mutter und so weiter…)

Dies ist kein Einzelfall, sondern eher leider Normalität bei uns in Deutschland (und vielen anderen Ländern, die langjährige Kriege erlebt haben) und zeigt sich bestimmt in den verschiedensten Ausprägungen.

Wir Mütter (wenn es in unserer Linie Kriegstraumata und sexuelle Gewalt gab) können also  auch von unseren Söhnen angetriggert werden und lehnen dann unbewusst ihre männliche Kraft ab.

Das ist für Söhne – Männer doppelt traumatisch:

Zum einen fehlt ihnen die liebevolle Verbindung und der Halt der meist geliebten Mutter

und zum anderen sind sie ganz oft den unbewussten oder auch bewussten Energien und Handlungen von Ablehnung, Verachtung, Schmerz, Angst und sexuellen Verwirrungen ausgesetzt.

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Für Männer, die ihre eigene, gesunde männliche Kraft finden und leben wollen

Für Männer, die ihre eigene, gesunde männliche Kraft finden und leben wollen

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Was tun – was ist möglich, um eine gesunde männliche Kraft zu entwickeln

1.) als Mann kannst du dir ausführlich die Geschichte deiner Mutter und ihrer Mutter anschauen, erzählen lassen, dich damit beschäftigen. Haben diese den Kriegt, Not und Gewalt miterlebt, sind sie traumatisiert und damit sehr wahrscheinlich du selbst auch.

• Mach dir eine Liste, schreib dir genau auf, wo und wie haben sie die Kriegsjahre erlebt? Sprechen sie darüber? Was kannst du dazu fühlen, stimmt es überein?

 

2.) um aus den verwirrenden und unlösbaren Gefühlen und Traumata deiner Mutter herauszufinden, brauchst du echten Kontakt zu dir selbst.

• Wie war das wirklich für dich?

Es ist sehr wahrscheinlich, das deine echten Gefühle verdrängt, vergessen und abgespalten sind. Je nachdem, wie es sich für dich machbar und gut anfühlt: kannst du dich darin üben, mit dir selbst in Kontakt zu kommen oder/und dir Unterstützung von mir oder einer meiner vielen kompetenten Kollegen holen. 

 

Mit deinen Anliegen kannst du dir Schritt für Schritt näher kommen.

3.) deine eigenen Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit, Angst und Not fühlen und damit integrieren lernen. Das kann mitunter sehr anstrengend sein, ist aber der Schritt zur Heilung, zum Ganz werden und der Schritt in deine Kraft, authentisch und liebevoll zu dir stehen zu können.

 

4.) ausprobieren. es zu tun. dich zu leben, zu genießen. deine Mission zu entwickeln und für dich zu gehen ♥

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Ich glaube, das wir Frauen und Männer in der Lage und in der Verantwortung sind, unsere Wunden und Bindungstraumata zu heilen. 

Ich glaube, das wir alle lernen können, viel mehr Verständnis, Mitgefühl und Freude zu empfinden und zu leben.

Für uns selbst. Für unsere Kinder. Für unsere Beziehungen. Und für unsere Achtsamkeit für die Natur, die Erde, die uns alle nährt. 

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Bei Fragen bin ich von Herzen gern da.

Sabine

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    2 Kommentare

  1. Danke, Sabine, für den Artikel. Der letzte rote Absatz spricht mir sehr aus dem Herzen. Immer mehr Menschen sehen die Verbindung zu den Kriegsgeschehen mit uns als Kriegsenkel. Sehr spannend. Ich selbst bin da noch ganz am Anfang.

    Roswitha

    10. Juni 2015

    • Liebe Roswitha,
      vielen Dank für dein Feedback – jeden Schritt, den wir mutig in Richtung unserer eigenen Geschichte und unseres eigenen Erlebens gehen – ist so heilsam.

      herzliche Grüße zu dir!
      Sabine

      Sabine

      10. Juni 2015

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